Jürgen Englerth 

Im Topo um Manhattan

"You know what? It would really suck to swim here!!!", ruft Ken mir zu. Bei dem Tosen der Wellen an der Südspitze Manhattans kann ich seine Stimme kaum verstehen. Wir sitzen seit sieben Stunden in unseren Topos und unsere Finger sind wie Eisklumpen.

Im Topo um Manhattan

Angefangen hatte alles mit einer Schnapsidee auf einer sonnigen Kiesbank der Isar. Mit dem Kajak um Manhattan? Im Sommer eine lange Seekajaktour für erfahrene Paddler. Laut der amerikanischen Zeitschrift Kayak Touring zählt die Umrundung von Manhattan zu den 41 besten Fahrten in ganz Nordamerika. Aber mit dem Topo und im Winter, das hat es noch nie gegeben. Bei den gigantischen Ausmaßen dieser Stadt der Superlative, wird einem kaum bewußt, daß Manhattan eine Insel ist, umgeben von Hudson, East und Harlem River. Und wie läßt sich eine Insel besser erleben, als vom Wasser aus? Jan Kellner ist von der Idee begeistert und besorgt mir die Telefonnummer von Ken Hill, einem Mitglied des Eskimo Pro-Teams USA. Ken gefällt die Idee auch und er sagt, er kenne eine ganze Gruppe von Topo-Paddlern, die da mitmachen wüden. Am Neujahrstag sind die Gezeiten günstig, da soll es losgehen.

Silvesterabend. Seit Stunden versuche ich Ken zu erreichen, um mit ihm nochmal den genauen Treffpunkt für unsere morgige Fahrt auszumachen. Kurz vor Mitternacht habe ich ihn endlich in der Leitung. Im Hintergrund höre ich grölende Menschen. Eine Party ist im vollen Gange. Ken erzählt mir, daß er sich gerade ein paar Biere genehmigt. "Alles klar wegen morgen? 6:30 Uhr unter der Manhattan Bridge?", frage ich etwas verunsichert? "Alles klar, ich werde da sein." "Was ist mit den anderen Paddlern?" "Die haben gekniffen. Sie sagen, daß nur Verrückte bei der Kälte versuchen, um Manhattan zu paddeln." "Und Du?" "Ich bin verrückt..."

 

 

 

Einbooten im Morgengrauen

Neujahr, 6:00 Uhr morgens. Ich fahre mit dem Topo auf dem Dach über die Canal Street durchs noch nächtliche Chinatown. Ob Ken wohl da sein wird? Als ich auf die Manhattan Bridge komme, sehe ich im Schein des vollen Mondes den East River unter mir glitzern. Mich fröstelt bei dem Anblick.

Unter der Brücke steht ein dunkler Van mit Topo auf dem Dach. Ken ist schon da. Sein Gesicht verrät mir, daß es doch mehr, als nur ein paar Bier geworden sind. Bei klirrendem Frost schlüpfen wir in unsere Trockenanzüge. Da wir nur acht Stunden Tageslicht zur Verfügung haben, booten wir noch in der Dunkelheit ein.

 

 

 

 

Ken Hill auf dem East River, rechts das UN-Building

 

 

 

 

Im Schein des ersten Morgenrotes zieht die beeindruckende Skyline an uns vorbei. Es ist zwar sehr kalt, aber windstill und es verspricht, ein sonniger Tag zu werden. Nachdem wir uns warmgepaddelt haben, liegt links vor uns schon das UN-Gebäude. "Scheint eine Spazierfahrt zu werden.", sage ich zu Ken. "Yo!", kommt es zurück.

 

Als wir nach etwa 2 Stunden das gefürchtete Hell Gate passieren und links in den Harlem River einbiegen, kommt leichter Wind auf. Wir machen eine kurze Frühstückspause auf einem verlassenen Ufer in der berüchtigten South Bronx, aber die Kälte treibt uns schon nach wenigen Minuten in die Boote zurück. Nach einer weiteren Stunde wird der Wind immer stärker. Als wir schließlich den Hudson erreichen, ist dann Schluß mit lustig. Hinter uns sehen wir einen Schneesturm wie eine geschlossene schwarze Wand auf uns zukommen. "This is gonna get us on our ass", meint Ken trocken. Wir beschließen, weiterzupaddeln. Schließlich kann es in einigen Gegenden von Manhattan gefährlicher sein, sich als Fußgänger zu bewegen.

 

 

Flugzeugträger USS Intrepid auf dem Hudson River

Die nächsten Stunden hat uns der Sturm voll im Griff. Brecher und Kreuzwellen machen jeden Paddelschlag zum Balanceakt. Die Kälte sickert in die Handschuhe. In den Abendnachrichten hieß es später, daß die Windchill-Temperatur minus 20°C betrug. Der Fährverkehr auf dem Hudson mußte wegen des schlechten Wetters eingestellt werden. Trotzdem genießen wir die Anblicke der beiden großen Downtown Business-Distrikte. Vom Ufer hören wir anfeuernde Rufe der Passanten: "That's the spirit!" Beim Passieren der Südspitze wird Ken von einer Welle gepackt und fast umgeworfen. Keiner von uns mag sich vorstellen, unter diesen Bedingungen zu schwimmen.

Als wir nach über sieben Stunden wieder den East River erreichen, wird das Wetter ruhiger. Vor uns liegen die Brooklyn- und die Manhattan Bridge. Erst jetzt wird uns bewußt, daß wir es geschafft haben. Ken läßt ein paar Urschreie hören, die auch als bayerischer Jodler durchgehen würden. Beim Ausbooten haben wir nur vier Dinge im Kopf (in dieser Reihenfolge): Klo, Trinken, Essen, Schlafen. Nachdem wir Punkt eins erledigt haben, teilen wir uns im warmen Auto eine Flasche Heineken und beobachten den Sonnenuntergang auf dem East River. Wir sind uns einig: das war der beste Neujahrstag, den wir je erlebt haben.

 

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New York Skyline